Amazon ist kein Vertriebskanal – sondern ein System
Warum vertraute Vertriebslogik auf Amazon an ihre Grenzen stößt
Amazon wird von vielen Herstellern zunächst wie ein zusätzlicher Vertriebskanal betrachtet.
Produkte werden gelistet, Preise definiert, Budgets verteilt und Zuständigkeiten festgelegt – ähnlich wie im klassischen Handel oder im eigenen B2B-Geschäft. Auf dem Papier erscheint dieses Vorgehen schlüssig.
In der Praxis entsteht jedoch häufig Irritation: Maßnahmen greifen nicht wie erwartet, Ergebnisse schwanken, Entscheidungen wirken schwer erklärbar. Intern entsteht der Eindruck, Amazon sei unberechenbar oder widersprüchlich.
Diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar – sie ist jedoch weniger Ausdruck eines irrationalen Systems als Folge einer nicht passenden Erwartungshaltung.
Warum klassische Vertriebslogik nicht trägt
Im klassischen Vertrieb sind Rollen klar verteilt:
Hersteller entwickeln Produkte und Marken, Händler kümmern sich um Platzierung und Verkauf. Preise, Konditionen und Sortimente werden verhandelt, Verantwortung ist eindeutig zuordenbar.
Dieses Modell basiert auf Beziehungen, Argumenten und Verhandlungsspielräumen. Einfluss entsteht durch persönliche Kontakte, gewachsene Partnerschaften und gegenseitiges Interesse an Stabilität. Amazon folgt einer anderen Logik.
Der Marktplatz ist kein Händler im traditionellen Sinne, sondern Betreiber eines hochgradig datengetriebenen Systems mit direktem Zugang zum Endkunden. Entscheidungen entstehen nicht durch Verhandlungen, sondern durch Bewertungen von Relevanz und Kaufwahrscheinlichkeit.
Amazon empfiehlt keine Marken, sondern Produkte
Amazon betrachtet Angebote nicht als Markenbotschafter, sondern als Einheiten innerhalb eines Entscheidungsprozesses.
Jedes Produkt wird fortlaufend neu bewertet – unter anderem nach:
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Relevanz für konkrete Suchanfragen
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Wahrscheinlichkeit eines Kaufs
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Zufriedenheit früherer Käufer
Markenstärke kann diese Bewertung positiv beeinflussen. Sie ersetzt jedoch keine systemische Passung. Es gibt keine Regale mit einer begrenzten Anzahl von Anbietern.
Wer Amazon wie einen klassischen Vertriebskanal behandelt, erwartet Stabilität und Loyalität.
Wer Amazon als System versteht, rechnet mit Dynamik, Vergleichbarkeit und permanenter Neubewertung.
Kaufentscheidungen entstehen über Regeln, nicht über Beziehungen
Amazon ist kein Ort ganzheitlicher Markeninszenierung. Es ist ein Ort der Kaufentscheidung.
Das bedeutet nicht, dass Amazon Marken beschädigt. Es bedeutet, dass der Marktplatz innerhalb eines Markenökosystems eine andere Funktion erfüllt als eigene Kanäle oder der stationäre Handel.
Markenschäden entstehen selten durch Amazon selbst. Sie entstehen dort, wo unklar bleibt, welche Aufgabe der Marktplatz erfüllen soll – und welche nicht.
Bewährte Erfolgsrezepte verlieren auf Amazon ihre Wirkung
Viele Hersteller erleben auf Amazon einen irritierenden Effekt: Strategien, die im stationären Handel zuverlässig funktionieren, zeigen nicht die erwartete Wirkung. Eine starke Marke führt nicht automatisch zu Sichtbarkeit.
Stabile Preise erzeugen nicht zwangsläufig Reichweite. Hochwertige Inhalte garantieren keine konstante Performance.
Das wirkt widersprüchlich – ist es aber nicht. Amazon priorisiert keine Marken, sondern Kaufwahrscheinlichkeiten.
Das System fragt nicht, welche Marke relevant ist, sondern welche Option für eine konkrete Suchanfrage am wahrscheinlichsten gekauft wird.
Amazon als System zu verstehen, schafft interne Klarheit
Interne Diskussionen über Amazon drehen sich häufig im Kreis, weil unterschiedliche Denkmodelle aufeinandertreffen: vertriebliche Erwartungen, operative Optimierung und reine Zahlenlogik.
Die Einordnung von Amazon als System schafft eine gemeinsame Grundlage. Sie erklärt, warum sich Dinge verändern, warum nicht alles verhandelbar ist und warum bestimmte Effekte normal sind.
Die Komplexität bleibt – aber sie wird erklärbar und damit steuerbar.
Zusammenfassung – Darauf kommt es an
Amazon folgt keiner klassischen Vertriebslogik, sondern einer Entscheidungslogik auf Basis von Daten, Dynamik und Kaufwahrscheinlichkeiten.
Probleme entstehen dort, wo vertraute Vertriebsmechanismen auf ein System übertragen werden, das nach anderen Regeln funktioniert.
Wer Amazon als System begreift und dessen Regeln versteht, trifft realistischere Entscheidungen und vermeidet strukturelle Fehlsteuerung.
Einordnung statt Erwartungshaltung
Amazon lässt sich nicht „führen“ wie ein Vertriebspartner.
Aber es lässt sich verstehen.
Hersteller, die Amazon als System einordnen, gewinnen Klarheit über ihre Rolle, ihre Einflussmöglichkeiten und realistische Erwartungen. Kontrolle entsteht nicht durch Beharren – sondern durch Anpassungsfähigkeit mit klarer Richtung.
Wer Amazon als System versteht, kämpft nicht dagegen
Amazon ist weder Gegner noch Ersatz für klassische Markenführung. Es ist ein eigenständiges System innerhalb eines größeren Vertriebs- und Markenökosystems.
Wer diese Rolle sauber definiert, nutzt den Marktplatz souverän – ohne sich an ihm abzuarbeiten.




